Mechanismen Teil 1 von 6
Chaosmagie
Gebet
Wenn ich versuchen würde, jemanden, der nicht von Gebeten überzeugt ist, davon zu überzeugen, mal eins auszuprobieren oder zumindest sich mal an eine Meditation zu wagen, sähe mein Argument wahrscheinlich wie folgt aus:
Der Großteil von allem, was wir machen, wird unterbewusst gesteuert. Sprich, wir suchen uns gar nicht so bewusst aus, was wir alles denken, wollen, machen, können, und auch, wie wir uns einen Großteil des Tages verhalten. Doch woraus speist sich dieses Unterbewusstsein und können wir darauf Einfluss haben?
Wahrscheinlich schon, weil wenn man nur annimmt, dass alles rein physikalisch und auch das unterbewusste Verhalten das rein deterministische Feuern von Neuronen ist, dann können wir doch sicher diese Aktivierungen so weit beeinflussen, wie wir es mit unserem illusorischen freien Willen nun mal können. Also, wenn ich mich dazu entscheide, zum Beispiel einen Gedanken häufiger zu denken, dann wird dieser Strang in meinem Gehirn tatsächlich dicker und diese Aktivierung kann leichter und dadurch auch häufiger erfolgen.
Jetzt ist es auch so: Manchmal ist unser Unterbewusstsein oder unser Verstand im Allgemeinen aufnahmefähiger für manche Nachrichten und häufig bemerken wir das gar nicht. Viele Forscher und Praktiker sagen, dass der beste Zugang zum Unterbewussten gegeben ist, wenn man sich in einer Art Halbschlaf wie nach oder vor dem Einschlafen befindet.
Viele Gebete und Rituale versetzen die Durchführenden in genau solch einen Zustand. Die häufigen Extraschritte vor oder nach der Aktivität sind es, die dazu führen, dass ein solches Gefühl überhaupt erst entstehen kann. Der Zustand, in dem sich diese Personen dann befinden, ist getrennt und abgegrenzt von dem Rest der Welt und es entsteht ein besonderer Moment.
Die Nachrichten, die dann verbreitet werden, ähnlich wie bei einer heiligen Messe, können den Verstand anders greifen und formen, als es durch den starken Filter, den unser Bewusstsein darstellt, möglich ist.
Weil es funktioniert
Glaubenssysteme sind vielfältig und ich denke, jeder Mensch hat eine Art anderen Zugang zu ihnen. Die großen Weltreligionen stellen an sich selbst den Anspruch, dass nur sie die Wahrheit haben, und abhängig davon, was die Auslegungsarten sind, gibt es einen extra Himmel für die rechtschaffenen Ungläubigen und einen extra Himmel für die guten Gläubigen und die Gutgläubigen. Auch wenn die meisten Praktiker dieser Religionen das anscheinend nicht so ernst nehmen, würde ich unabhängig von ihren Ansprüchen und Lehren doch jedem Glaubenssystem eine gewisse Validität zusprechen.
Die Basis für alles, was unser Gehirn und Körper tut, sind Glaubenssätze, die tief in uns verankert, manche sogar genetisch programmiert sind. Viele von diesen Glaubenssätzen sind eher theoretischer Natur und die anderen eher konkreter. So bin ich mir wirklich sicher, dass die Gravitation eine Gesetzmäßigkeit ist, aber ob ich wirklich gut singen kann, ist sehr viel relativer. Auch wenn wir sicher sagen können, dass Michael Jackson mich auch an seinem schlechtesten und an meinem besten Tag in die Pfanne hauen würde, so sind nicht alle Glaubenssätze gleich wahr und halten auch in allen Fällen gleichmäßig.
Zudem gibt es noch eine ganze Palette an Glaubenssätzen, die man haben kann, wobei man sehr schnell aus einer Tatsache einen falschen Fakt ableiten kann. So kenne ich genug Männer, die zum Beispiel denken, dass sie für keine Frau attraktiv sind, weil sie kein Sixpack haben oder 100 kg Bankdrücken. Dabei bin ich mir recht sicher, dass das die wenigsten Frauen eigentlich interessiert. Also leitet man sich vielleicht aus einem objektiven Übergewicht die Schlussfolgerung ab, dass man für andere Menschen nicht attraktiv ist, und geht deshalb mit ganz anderen Augen durch die Welt.
Weil der Verstand jetzt ganz anders eingestellt ist, geht man mit ganz anderen Augen durch die Welt. Die Zeichen und Symbole um uns herum werden anders interpretiert. Wo einer die Möglichkeit seines Lebens wittert, hört der andere nur Desinteresse. Wenn ich durch die Welt gehe und denke, ich bin verflucht, dann werde ich auch nur die schlimmen Dinge klarer wahrnehmen, weil es diese Dinge sind, die mein Weltbild bestätigen, und unser Gehirn ja danach sucht, bestätigt zu werden.
Der Glaube entsteht nicht ex nihilo und braucht deswegen eine Basis. Auf der einen Seite kann man Glaubenssätze sicher auch bruteforcen und wenn man sich eine Million Mal sagt, dass man der Größte, Schönste und Allerbeste ist, dann wird man das sicher auch irgendwann anfangen zu glauben, aber ich denke, der beste Schritt ist erstmal, seine derzeitigen positiven Eigenschaften zu verstärken, bis sie wirklich präsent sind und nicht mehr in Zweifel gestellt werden können. Von hier aus hat man eine sichere Eisscholle, von der aus man sich auf die anderen Themen zubewegen kann und seine Strategien und Methoden von der einen Praktik direkt auf die andere anwenden kann.
Deswegen würde ich dem gut funktionierenden [hier bitte Religion eurer Wahl einfügen] nicht sagen, dass er mit seiner Religion brechen sollte, sondern wenn er sich darin wohlfühlt, sie vielleicht noch mehr und mit mehr Intentionalität zu betreiben. Beim Beschwören von etwas Höherem, etwas Nichtgreifbarem, etwas, was quasi die Hand auf unser Verhalten legt und uns in die Situationen steuert, in denen wir dann unsere Entscheidungen treffen, in diesen Aspekten sind sich das Unterbewusstsein und Gott vielleicht gar nicht so unähnlich.
Magie für Postmodernisten
Aufmerksamkeit ist eine Form von Währung heute und auch eine Form von Energie. Wenn wir unser Bewusstsein auf etwas konzentrieren, dann fokussieren wir unsere mentale Energie auf etwas. Dieses Etwas wird dann gespiegelt in unserem Verstand und hinterlässt dort einen Abdruck auf uns.
Symbole, Gebete, Formeln sind alles Repräsentationen und Abstraktionen von Weiterem. Viele Leute, die auch nicht gläubig sind, bauen sich ihre neuen eigenen Rituale. Und lass es die Abendroutine vor dem Schlafen sein, die, wenn sie nicht genau so ausgeführt wird, zu einem schlechten Schlaf führt, aber wenn sie richtig durchgeführt wurde, wundersamerweise immer zu einem guten, zumindest befriedigenden Schlaf führt.
Unser Körper, wie unser Verstand, nein, noch genauer: unser Geist, sucht. Sucht nach den Dingen, denen wir uns aufmerksam widmen. Die Dinge, die wir in uns einführen, sind auch die Dinge, die wir dann wieder wollen.
Die Basis für das, was wir denken, ist das, was wir gedacht haben. Und was wir denken, wird zu dem, was wir denken werden. Immer durch das Jetzt ist unsere Zukunft mit der Gegenwart verbunden und wir suchen aus, woran wir weiter glauben wollen und was wir in Zukunft glauben werden. Nicht nur frei die Vergangenheit umzuinterpretieren und aus Schmerz zum Beispiel Kraft zu schöpfen. Sondern uns heute eine neue Zukunft auszudenken, die vielleicht nicht zu unserer Vergangenheit “passt”, aber genau das ist, was wir jetzt wollen.
Glaube ist die Grundlage für das, was wir tun. Wir würden die Dinge nicht tun, wenn wir nicht daran glauben würden oder an die Dinge glauben würden, die mich dazu bringen, dass ich diese Dinge tue. Dieser Glaube kann genutzt werden.