Der Mythos vom einsamen Wolf
Wir Menschen sind Gruppentiere. Jeder von uns braucht einen Stamm, ein Team oder eine andere Form von Konstellation an Menschen, die gemeinsam arbeiten und sich unterstützen.
Mit der Entfremdung des Menschen von sich selbst haben wir uns nicht nur von unserer Arbeit, Nation oder Familien entfernt, sondern von der Menschheit als Ganzem.
Die meisten Menschen im Westen, denen ich begegne, sehen sich selbst als Individuum mit ihren eigenen Zielen. Ansammlungen von Leuten sind häufig nur noch zweckgebundene Übereinkommen, wie zum Beispiel bei der Arbeit, im Fußball-Team oder auch die Leute, mit denen ich mich umgebe.
Der Mensch im Westen betrachtet sich als Einzelkämpfer. Man kann sich auf nichts und niemanden verlassen, sondern muss sich in allen Lagen selbst gegen alle anderen absichern. Partner misstrauen sich, müssen Pläne dafür machen, wenn der andere gehen soll, Kinder, die sich absichern müssen, falls ihre Eltern sich doch dazu entscheiden sollten, das Haus nicht weiterzugeben, und die vielen anderen Sachen, in denen wir eine Gefahr riechen.
Wir sind misstrauisch gegen jeden und alles und kommen aus unserem Filtermodus nicht mehr heraus. Als Menschen haben wir einen doppelt so starken wahrgenommenen Verlust als Gewinn. Weshalb wir heute mehr orientiert sind, dass wir uns vor Schäden bewahren wollen, als dass wir das Gute anstreben.
Wenn jemand eine Diät nicht schafft, dann sagen wir sowas wie: „Die Person hatte nicht genug Willenskraft oder hätte einfach weniger essen sollen.“ Es mag vielleicht stimmen, dass die Person mit mehr Willenskraft es hätte länger durchhalten können. Doch die Person hätte wahrscheinlich genauso gut abnehmen können, wenn sie in einer Gruppe von Personen gewesen wäre, die alle versuchen, gerade abzunehmen.
Ich will nicht zu einer übermäßigen Form des Kollektivismus aufrufen, sondern ich möchte darauf aufmerksam machen, dass wir als Menschen immer im Verbund leben. Damals wie heute. Die meisten von uns bauen nicht ihr eigenes Essen an, stellen die Geräte, die sie täglich nutzen, nicht her. Auch die öffentlichen Verkehrsmittel, unsere Straßen … all das wird von anderen Menschen instand gehalten, betrieben und für uns bereitgestellt.
Mit Geld kriegen wir das Gefühl, dass wir uns all diese Dienstleistungen beschaffen können, aber die viel wichtigeren Sachen, die der Mensch in seiner Natur als Gruppentier braucht, diese kann man sich nur schwierig erkaufen.
Meinen Kindern habe ich schon immer mitgegeben, dass sie sich schlaue Freunde suchen sollen. Man ist immer nur der Durchschnitt der 5 Menschen, mit denen man am meisten etwas macht. Deswegen sollte man hier besonders darauf aufpassen, mit wem man sich umgibt und ob man nicht davon profitieren würde, in mehr Gruppen aktiv zu sein. Über die Schattenseiten von Gruppen nochmal zu einem anderen Zeitpunkt mehr …