Kazimir-Komplex Teil 1 von 1
Sankalpa
Es ist spät am Abend, der heiße Atem zieht durch den hochgeschlagenen Kragen direkt vor die Brillengläser und kondensiert. Die Sicht getrübt durch die hereinbrechende Nacht, der Geist vernebelt durch verschiedene Geister aus Flaschen und eine unheimliche, allumfassende Stille.
Jeder Schritt erzeugte ein leises Geräusch, das die Stille für einen kurzen Moment durchbricht.
Stefan bleibt abrupt stehen und dreht sich um.
Nichts.
Er hatte schon seit einigen Minuten das Gefühl, als würde er verfolgt werden, und kurz bevor er sich umgedreht hat, hätte er schwören können, dass er einen warmen Hauch auf seinem Kopf gemerkt hatte. Als würde ein 2 Meter 20 großer Riese hinter ihm stehen und verächtlich auf seinen Kopf schauen.
Kurze Aussetzer, wenig aneinandergereihte Bilder: Eine Feier in einem großen Haus auf 7 Etagen; Hunderte Leute in Ekstase am Tanzen, Trinken und Lachen; alleine warten an einer Haltestelle; kurz einschlafen, aufwachen und eine Haltestelle zu spät aussteigen und jetzt am Laufen.
Gedanken, die sich nicht richtig ordnen lassen, wie in Schleifen, die sich aufbauen, aber niemals zu Ende gehen, sondern in sich selbst zusammenbrechen, nur um sich dann selbst wieder aufzubauen.
Auf Autopilot am Laufen und mit der Eigenschaft, sich gerne zu verlaufen, gerade in dem Versuch, schneller an sein Ziel zu kommen. Geschieht es auch jetzt wieder, dass er sich quasi noch weiter von seinem Ziel entfernt, aber jetzt wieder auf eine belebte Straße gekommen ist. Überall ist noch Licht an, was ein wenig verwunderlich ist, weil selbst in den größten aller Städte auch irgendwann an einem Sonntag, um genau zu sein, war es schon Montag, 4 Uhr morgens, aber es fühlt sich halt noch wie Sonntag an, auch irgendwann das Licht ausgehen muss.
Durstig und desorientiert steuerte er auf den nächsten blinkenden Laden zu, der ihm ein Kaltgetränk versprach.
Wie in Trance zog der Laden ihn magnetisch an und er bemerkte nicht aus dem Augenwinkel eine Gestalt, die sich erhob und sich zwischen ihn und seine Oase der Erfrischung stellte. Es war ein hagerer Mann mit einem Rauschebart, zerzausten Haaren, einem alten Harley-Davidson-Shirt, das er in seine Hose gesteckt hatte, und einer Lederjacke, die, so wie sie aussah, dem schlechtesten und glücklichsten Motorradfahrer der Welt gehört haben könnte.
Der Mann starrt Stefan in die Augen und hält ihm seinen Becher vor die Nase sowie ein Schild, auf dem geschrieben steht: „Magie basierend auf Physik und Psychologie.“ Als der Polyglott, der er ist, weckte diese paradoxe Kombination direkt ein gewisses Interesse. Kurz war Stefan von seinem Durst abgelenkt, da versetzte ihn ein kurzer Hustenanfall wieder zurück auf die Basislinie und er schob sich am Obdachlosen vorbei, ohne ihn auch nur eines weiteren Blickes zu würdigen. Drinnen holte er sich ein Elektrolytgetränk und noch ein weiteres Bier für den Weg.
Zum Zahlen blieb ihm nur noch seine Karte und ein 200-Euro-Schein.
Als er seine Karte für das kontaktlose Zahlen vor das Kartenlesegerät hält, wird er zum ersten Mal seit 2 Jahren wieder nach seiner PIN gefragt, die er salopp vergessen hat, und so ergibt es sich, dass er mit dem 200-Euro-Schein zahlt. Für seinen Schnapper-Einkauf von 5,60 Euro sicher ein wenig viel, weshalb ihn der Besitzer des Ladens auch einmal verdächtig mustert, den Schein gegen das Licht hält, ihn dann aber trotzdem in die Kasse tut und noch einmal vor dem offensichtlich Betrunkenen vor ihm das ganze Geld zählt.
Ein Zeichen eines wahren Ehrenmannes, denkt er sich, während er schon nach den ersten 10 Euroscheinen aufgehört hat, geistig mitzuzählen.
Seit seinem neuen Beruf hat Geld so ein wenig den Bezug für ihn verloren. Wie viele Menschen unterlag er der Illusion, dass mehr Mittel ihm auch mehr Freiheit geben würden, aber dass die Verantwortung, die man auf diesem Weg auf sich nimmt, einen so sehr einschränkt, dass man gar nicht mehr dazu kommt, irgendwas davon zu genießen. Schlimmer noch, einige seiner Kollegen werden zu Drachen, so wie er sie nennt. Ehemals arme Männer, die es sich zum Ziel machen, in den Metriken unserer Leistungsgesellschaft an die Spitze zu klettern, um es den Menschen um sich herum zu zeigen. Schlimmer noch, wenn sich nach ein oder zwei Bier ergibt, dass in dem 40 Jahre alten Mann immer noch ein kleiner Junge steckt, der es seinem Vater beweisen will, dass er etwas aus sich gemacht hat und seine Studienentscheidung oder sein Karriereweg doch die richtigen gewesen sind.
Wieder draußen wartet der ehemalige Biker auf ihn. In der kurzen Zeit und vielleicht auch, weil der Mann nichts gesagt hatte, hat er sich einfach seine eigene Geschichte zu ihm ausgedacht. Der Mann sollte auch weiter stumm bleiben, was keineswegs heißen sollte, dass sie keine wunderbare Konversation miteinander hatten. Der Mann hatte nämlich sein Schild umgedreht und draufgeschrieben war eine Art Anleitung:
- Magik funktioniert, indem wir die Hyperstition nutzen, um gewünschte Ereignisse aus dem Hyperraum der Ideen in die Konsensusrealität umzusetzen.
- Dies passiert, indem wir geistige Energie durch ein Ritual auf ein besagtes Objekt oder eine Person wirken.
- Die Manifestation entfaltet sich und nimmt Gestalt an. Von hier aus braucht man das Ritual ggf. nicht mehr durchführen. Es kann von hier aus ein Eigenleben annehmen.
ACHTUNG: Seien Sie vorsichtig mit dem, was Sie sich wünschen, es ist viel leichter, Geister anzuziehen als sie zu vertreiben.
WAS ICH VON IHNEN BRAUCHE:
- Ihren Wunsch oder Ihre Wünsche (es ist leichter, wenn es weniger sind)
- Woran glauben Sie? Jesus, Jahwe, Brahman, Allah, Asmodeus, das Universum
- Spezifika Ihres Wunsches. Bei Personen: Geburtsdatum, Größe, Haarfarbe. Bei Objekten, Fakten, Formen und Farben. Bei Zielen, Werten und Größen.
Die Anleitung war einfach und auf dem Becher stand auch ein kleiner Zettel. Dort war mit Kugelschreiber draufgeschrieben: „Ich brauche Ihr Geld nicht. Spenden ist optional.“ Verwirrter denn je öffnete Stefan seinen Geldbeutel und holte den Hundert-Euro-Schein heraus, der Teil seines Wechselgeldes war, und legte ihn behutsam in den Becher des alten Mannes. Dieser schien absolut unbeeindruckt zu sein, als wäre das für ihn Kleingeld gewesen. Er steckte den Becher in seine Jackentasche und zog aus derselben einen Stift und einen Zettel heraus.
Der Zettel war zwar zerknittert, aber noch unbeschrieben und der Stift sah aus wie einer dieser Tintenhalter, die die reichen Kinder in der Schule immer hatten, wo man sich die Frage stellen musste, wer so viel Geld für einen einzigen Stift ausgeben würde. Die beiden setzten sich auf eine Bank und da überreichte ihm der Herr Labyrinthe von Borges und gab ihm Zeichen, dass er es als Unterlage verwenden sollte, wahrscheinlich aus Gründen der Leserlichkeit.
Während er jetzt so dasaß, konnte er die Frage zwei sofort beantworten, weil er eigentlich an nichts glaubte. Also schrieb er zuerst nichts hin bei Punkt zwei. Bei 1 und 3 kam er aber ins Grübeln. Ihm schossen verschiedenste Sachen in den Kopf, er dachte an Cassandra und den Frühling im Jahr 2017, seinen großen Wunsch, für seine Kunst bewundert zu werden, sein großes Verlangen, noch einmal die Tage ohne Verantwortung der Kindheit zu genießen, wieder Anfang 20 und in der Universität das erste Mal auf dem Campus zu sein, so viele Dinge in Vergangenheit und Zukunft, die am Zerreißen waren.
Genau in diesem Moment musste sich seine doch frühkindliche katholische Erziehung aktivieren und er musste sich an die Geschichte von König Salomon erinnern. Eigentlich erinnerte er sich nur noch daran, dass er hunderte von Frauen hatte, unendliche Schätze und den großen Tempel gebaut haben soll. Doch was dies alles erst ermöglichte, war eine immense Weisheit, die ihm Gott gegeben hatte, weil dies der eine Wunsch von Salomon war.
Es klang wie die ultimative Lösung für all diese Probleme. Wenn er der weiseste Mann der Welt wäre, dann hätte er damals wahrscheinlich genau die richtigen Worte sagen können, hätte die Verleger schon lange von sich überzeugt und hätte wahrscheinlich auch gar kein Problem damit, mit dem Rauchen aufzuhören.
Also machte er es ganz einfach:
- Weisheit
Nichts.Die Wissenschaft- Ich will so weise sein, dass ich alles erreichen und schaffen kann, was ich will. Sowie weitere Daten über sich selber wie sein Geburtsdatum, Größe etc. Alles, was einem halt so einfällt, wenn man betrunken früh morgens oder eher spät nachts auf dem Heimweg ist.
Stolz betrachtete er noch einmal seinen Zettel, schaute zum Opa rüber, der ihn zufrieden anblickte. Sein Blick sprach Bände und sagte etwas in die Richtung von „Hätte ich mir wahrscheinlich nicht ausgesucht, aber sicher keine schlechte Entscheidung“. Der Alte nahm nun auch prompt das Buch von seinem Schoß und fing seines Zeichens selbst an zu zeichnen. Keine Ahnung, woher, aber wie von Zauberhand hatte er ein kleines braunes Notizbuch rausgeholt und zeichnete dort mit Zirkel und Lineal einen Kreis. Es sah aus wie ein Siegel und in dem Siegel standen mit mathematischer Präzision die Zahlen und anderen Daten aus seinem Leben in Bezug zueinander.
Der Alte übergibt Stefan nun das fertig gezeichnete Blatt und hebt dabei seinen Zeigefinger, als würde er etwas demonstrieren wollen, und steckt das Blatt Papier zwischen Stefans beide Hände. Er selbst holt das Blatt Papier, das Stefan vorhin mit seinen Daten gefüllt hat, wieder hervor und geht in die gleiche Ausgangsposition wie Stefan und geht dabei in eine demonstrative Pose. Er zeigt auf Stefan, dann auf sich und spuckt dann auf das Blatt Papier. Stefan versteht und tut es dem Opa gleich. Als Nächstes holt der Opa einen Bleistift hervor und sticht sich damit in den Finger und lässt einen Tropfen seines Blutes auf das Blatt fallen. Stefan, der schon immer eher ein sanfter Charakter gewesen ist, schaut auf seine linke Hand und knibbelt das Pflaster an seinem linken Zeigefinger ab und drückt sich ein wenig Blut aus der zwei Tage alten Wunde. Bestätigend schaut der Alte wieder zu ihm rüber und reißt sich ein Haar vom Kopf und legt es ebenfalls auf das Blatt. Das lässt sich sofort nachahmen. Die letzten zwei Dinge sollten dann doch noch eine kleine Herausforderung werden. Der Opa macht eine weinerliche Bewegung, zieht sich mit seinem feuchten Finger zwei Tränenlinien von den Augen fort. Verwundert, wie er jetzt auf Kommando weinen soll, geht er in sich und sucht. Eventuell waren es die großen Augen, die ihn anstarrten, die Kälte, das Gefühl, zu wissen, dass bei ihm zu Hause niemand auf ihn warten wird, oder dass er den Tod seines besten Freundes noch immer nicht verarbeitet hatte, aber die Tränen liefen. Er fing sie mit dem Blatt auf und jetzt sollte der letzte Schritt kommen.
Der Alte nahm das Blatt Papier, knüllte es zusammen und steckte es in Brand und schloss seine Hand darum, ließ aber ein kleines Loch, sodass das Papier vollständig verbrennen konnte. Erst jetzt wird einem auch klar, warum die Hände des Alten so dreckig und verschmutzt aussehen. Er muss dieses Ritual schon unzählige Male gemacht haben und hatte deswegen einen gewissen Schutz vor der Hitze.
Zögerlich überlegte Stefan nochmal, in was für einer Situation er war, was ihn schon wieder dazu verleitet hat, sich auf so einen Spaß einzulassen, und woher diese übermäßige Großzügigkeit diesem Herrn auf einmal kam. Doch etwas in ihm gab ihm einen kleinen Stoß, wie der Gedanke, der einen dazu bringt, über seine Grenzen zu gehen. Er entzündete das Papier und umschloss es halb mit seiner Hand.
Ungewöhnlicherweise war das Feuer kalt. Seine Hand war danach schwarz, aber er hatte keine Schmerzen und konnte auch keine Anzeichen einer Verbrennung sehen. Der Pakt schien geschlossen und der Mann tanzte umher und schien sich unendlich zu freuen. Es war nicht ganz klar, für wen der beiden, aber das war jetzt auch egal.
Wie abermals an diesem Tage erhob er sich, bedankte sich beim alten Weisen, der sich seinerseits sogar mit einer Verbeugung zurückbedankte. Er verblieb und schien seinen erbeuteten Hunderter direkt an der Trinkhalle in ein paar Blättchen, Whiskey und Würstchen zu investieren. Eine echte Höchstleistungsdiät.
Zuhause angekommen, brummte der Schädel und er schwang sich direkt in die Dusche, um den Schmutz des Tages im Abfluss verschwinden zu lassen. Während das Wasser auf seinen Nacken prasselte, starrte er auf seine Hand, von welcher sich die schwarze Asche langsam zu lösen schien. Er seifte sich ein, schwang sich in seinen Bademantel und watschelte in seinen Hausschlappen zum Bett. Wie jeder gute westliche Bürger konnte auch er nicht mehr gut einschlafen, wenn nicht irgendein elektronisches Gerät ihn berieselte, aber er konnte sich gut damit abfinden, weil er sich einredete, dass die Tierdokumentationen, die er sich anschaute, ja Bildungsfernsehen seien und zumindest nicht ein weiteres Format, bei dem wir uns erhaben fühlen, weil wir uns das Leid von anderen anschauen, die uns nach unserem Verständnis überlegen sind. Zumindest wäre das seine Erklärung gewesen, wenn man ihn nach seiner ehrlichen Meinung gefragt hätte.
Als er die Augen schloss, hatte er das Gefühl, als wäre er von einer ganzen Horde an Menschen umgeben, ähnlich wie bei einem Todkranken, der in seinem Bett liegt, um den sich die ganze Familie nochmal versammelt. Dieses unbehagliche Gefühl sorgte dafür, dass er sich noch einige Male vor dem Schlafengehen ruckartig wendete, seine Augen aufriss, um sich herumtastete, sodass er wirklich erst um sechs Uhr sechsunddreißig einschlief.
Sein Traum war nicht besser. Es gibt diese Tage, an denen man Alkohol trinkt und in den ruhigen, nicht stattfindenden Schlaf fällt, der sich wie ein sanfter Tod anfühlt, und dann gibt es noch die Male, in denen man die verrücktesten und wahrscheinlich tief begrabenen Ängste wiederfindet. In dieser Nacht sollte es ein Traum sein, in dem er sich selbst am Essen ist. Er sitzt an einem Tisch in seinem Elternhaus und aus seiner Perspektive könnte er vielleicht 10 Jahre alt sein und auf seinem Teller liegen einzelne Teile seines Körpers. Mit am Tisch sitzt ein älterer Herr, der ein sehr ähnliches Gesicht hat wie er selber, und hinter ihm mit einer Hand auf seiner Schulter steht ein noch älterer Herr, der ihm auch recht ähnlich sieht. Beide haben diesen ruhigen, sicheren Blick in ihrem Gesicht. Das, was ihn so sehr erschrecken ließ, war deren Reaktion auf seine auch im Traum vorhandene Panik. Sie fingen an zu grinsen und lächelten ihn an, als würden sie sich gerade über ein Kind lustig machen, das wegen einer Kleinigkeit angefangen hat zu weinen.
Nach Luft schnappend schreckte er in seinem Bett hoch. Mit einem schnellen, präzisen und direkten Griff zum iPhone konnte er bestätigen, dass er gut 6 Stunden geschlafen hatte und es fast schon 1 Uhr mittags war. Zeit, sich seinem Frühstück zu widmen. Er legte das Handy wieder auf den Nachttisch und da fiel ihm in seiner rechten Hand wie ein Loch oder ein schwarzer Punkt auf.
Irritiert davon, warum die Asche nicht ganz weg war, schwang er sich aus seinem Bett, machte das Licht an und bewegte sich in Richtung des Badezimmers, um sich nochmals die Hände zu waschen. Nach 5 Minuten Reiben und Einseifen gab er es auf, der Punkt ging nicht weg. Beim Reiben kam ihm auch der letzte Tag und damit auch die letzte Nacht wieder in den Sinn. Ein Gefühl sofortiger Reue überzog seinen Körper, warum er sich dazu herabgelassen hatte, sich auf diese Spiele von diesem Obdachlosen einzulassen, aber na ja, das war vielleicht die letzte Jugendsünde (wenn man sowas in seinem Alter überhaupt noch sagen kann), die er vielleicht jemals macht, also warum nicht mit Stolz tragen.
Und so hatte sich die Sache auch fürs Erste erledigt. Ein kleiner Punkt hat noch niemandem geschadet. Emelie, die französische Austauschschülerin in der elften Klasse, hatte ein Muttermal oberhalb ihrer Lippe auf der rechten Seite, was ihrem Gesicht eine wunderschöne, einmalige Asymmetrie verlieh, die zu ihren braun gelockten Haaren und den tiefbraunen Augen etwas Mystisches hinzufügte.
Das Schöne an seiner Arbeit war, dass er quasi keine festen Arbeitszeiten hatte und er gerade durch seine unorthodoxe Lebensweise zu Zeiten an Orten war, wo sonst niemand war.