Motivation Teil 1 von 2
Biologie
Das für mich beste System, das beschreibt, wie es physiologisch mit der Willenskraft aussieht, ist das Konzept von Ego-Depletion: Unser Körper hat eine Art Ressource, die wir aufbrauchen, um Entscheidungen zu treffen. Selbstbeherrschung und andere Aktivitäten verbrauchen diese Energie.
In meinem umfassenderen Konzept von Motivation, Disziplin und Willenskraft ist es an dieser Stelle wichtig, darauf zu verweisen, dass diese drei Eigenschaften auch sehr unterschiedliche Dinge beschreiben. Das, was biologisch von unserem Körper bereitgestellt wird, ist unsere Basis-Willenskraft. Wir führen uns durch unterschiedliche äußere wie auch innere Stimuli Motivation temporär herbei und Disziplin ist, was greift, wenn wir wenig bis keine Willenskraft mehr haben oder sich unsere Reserven dem Ende neigen.
Das heißt für mich schon rein physiologisch: Wir haben unterschiedliche Mengen an Energie und Willenskraft, abhängig vom Schwanken unseres Körpers rund um einen Zustand, nennen wir ihn mal den Optimalzustand. In unserem Optimalzustand liegen uns die größtmöglichen Mengen an Willenskraft und Energie vor, sodass wir für unsere Verhältnisse das meiste rausholen können.
Diese Marker bilden also die Grundlage für alles Weitere, was wir in den nächsten Kapiteln oben drauflegen wollen.
Zustand: optimal
Nur weil wir im Optimum sind, heißt es nicht, dass wir unendlich viele Entscheidungen treffen können, sondern dass wir unser Maximum an Entscheidungen treffen können. Für den einen mag sein Optimum bei relativen 500 T-Shirt-Entscheidungen in Blau oder Grün liegen, bei dem anderen bei 5000. Und doch kann der eine, wenn er sich die ganze Zeit im Optimum befindet, den fatalen Fehler vermeiden, den der andere macht, weil er 4 Tage hintereinander nur 100 relative T-Shirts entscheiden konnte.
Auch heißt es nicht, dass jede Aufgabe für jeden gleich viel Energie im Optimum einnimmt. Für den einen ist das Entscheiden seiner Kleidung bereits der erste Teil am Tag, an dem die Person 100 RTs (relative T-Shirts) verliert, beim anderen kostet ihn das vielleicht 1 s, weil er einfach das nimmt, was oben liegt. Für den einen ist das Feuern von seinem Mitarbeiter eine Entscheidung oder Aktivität, die das Sammeln von Energie über drei Tage braucht und danach noch einen weiteren Tag Erholung fordert aufgrund der mit der Aktivität verbundenen Emotionen, für den anderen ist das ein 15-Minuten-Termin zwischen einem Briefing und seinem Lunch.
Optimal heißt hier lediglich, dass man sein eigenes Optimum biologisch hat. Gut: gegessen, geschlafen, getrunken, erholt, fokussiert, … und alle weiteren positiven Adjektive, die man hier jetzt dranhängen könnte.
Der Zustand „100 % Optimum“ ist wahrscheinlich nie gegeben, aber wir können sicher sagen, dass wir uns in unseren oberen 1–2 % befinden und wir in unserem Optimum sind. Auch hier gilt es wieder, einfach die tiefsten Ausreißer zu verhindern, weil es jene sind, die für die schlechtesten Entscheidungen, Tage usw. sorgen. Wir können durch das einfache Beachten unserer Biologie dafür sorgen, dass wir den größten Fehlermodus (failure mode) vermeiden, indem wir uns selbst nicht dabei behindern, Entscheidungen zu treffen.
Zustand suboptimal
Die Diagnose ist einfach. DU wirst wahrscheinlich schon wissen, was dir fehlt. Egal, ob es Schlaf, was zu essen, ein Spaziergang, ein gutes Gespräch oder was anderes ist.
Hier vielleicht eine kleine Liste:
- Essen: Genug gegessen? Was waren die letzten Mahlzeiten, wie ausgewogen, wie lange her?
- Trinken: Genug getrunken? Wie viel heute, wie dunkel der Urin, viel geschwitzt oder Alkohol gehabt?
- Schlaf: Genug geschlafen? Wie viele Stunden letzte Nacht, wie die letzten drei Nächte, wie regelmäßig die Zeiten?
- Substanzen: Koffein/Alkohol/Medikamente im Blick? Zu viel, zu spät, ausgefallen oder vergessen?
- Bewegung & Licht: Heute schon bewegt? Wie lange am Stück gesessen, warst du draußen, Tageslicht abbekommen?
- Körper: Meldet sich was? Volle Blase, Verspannung, Schmerzen, Halskratzen, Zyklus, Muskelkater vom Vortag?
- Umgebung: Passt der Raum? Luft, Temperatur, Lärm, Licht, Bildschirmzeit ohne Pause?
- Psyche: Wie ist die Stimmung? Was beschäftigt dich gerade, seit wann, und ist es akut oder schon länger da?
- Sozial: Genug Kontakt gehabt? Mit wem zuletzt richtig gesprochen, wie lange her, war es nährend oder anstrengend?
- Belastung & Sinn: Zu viel oder zu wenig los? Wie hoch der Druck, wie lange schon, wann war die letzte echte Pause?
- Geschaffen: Heute etwas fertiggemacht oder erschaffen? Was war es, Arbeit oder frei, Musik/Schreiben/Bauen und wann zuletzt richtig im Flow?
- Für andere: Jemandem geholfen oder etwas beigetragen? Für wen, wie lange her, und hat es sich sinnvoll angefühlt?
Du hast all das gemacht und fühlst dich immer noch nicht, als wärst du wirklich im Optimum? Zeit kann hier helfen, es geht manchmal nicht von dem einen auf den anderen Tag, manchmal muss der Körper sich auch erst wieder einpendeln.
Wenn du dauerhaft in so einem Zustand bleiben solltest, empfehle ich, einen Arzt aufzusuchen, mal ein großes Blutbild machen zu lassen und vielleicht auch andere Geisteszustände auszuprobieren. Für den einen oder anderen ist das, was fehlt, das Zuführen von neuen oder anderen Stoffen. Für den einen ist das Creatin, für den anderen Ashwagandha, noch ein anderer nimmt Elvanse und für den einen ist es Marihuana.
Es gibt eine Vielzahl an Dingen, warum man sich in einem suboptimalen Zustand befinden kann, und vielleicht ist gerade diese biologische Grundlage etwas, das dem Aufbauen von Gewohnheiten beziehungsweise dem Erreichen von Zielen im Weg steht.
Es wäre sicher auch schwieriger für mich, meinen Alltag zu bewältigen, wenn ich dauerhaft von Kopfschmerzen oder anderen Erscheinungen geplagt wäre. Diese biologische Grundlage zu schaffen, sollte oberste Priorität haben, bevor man sich an die anderen wagt.
Die Dauer, wie lange Motivation hält, wie viel Willenskraft ich haben werde, um meine Gewohnheiten durchzuführen, oder die Reibungen von Gemeinschaft zu ertragen, bestimmen alle, wie viel Energie ich in ein Dogma bringen kann. Das Fundament dieser Rechnung liegt in den Kapazitäten, die ich täglich zur Verfügung habe.
Entscheidungen
Viele Entscheidungen sowie das Aufwenden von Willenskraft lassen sich vorhersagen. Ich würde dazu raten, dass man versucht, gerade vor schwierigen Entscheidungen die eigene Willenskraft zu maximieren. Hierfür können auch kurzzeitige Mittel ihren Nutzen haben, man sollte aber nur aufpassen, dass die Aktivität nicht zu sehr mit dem Mittel verbunden wird. Mal einen Kaffee vor einem Meeting zu trinken, kann sicher nicht schaden, aber wenn man irgendwann kein Meeting mehr ohne einen machen kann, wird aus einer Hilfe eine Krücke, ohne die man nicht mehr kann.
Es ist gut, wenn möglich, nicht viele Entscheidungen an einem Tag zu treffen (außer ihr gehört zur seltenen Unterklasse von Menschen, die ihren Flow-State durch sowas erreichen). Jede Entscheidung verbraucht Energie und man sollte ein gutes Gefühl dafür haben, wie viel Entscheidung man tolerieren kann.